Adios, 2016! Unser Amnesty-Jahresrückblick.

Schneller als man schauen konnte, ist der Briefmarathon 2016 bereits wieder Geschichte. Weltweit beginnt nun das Zusammenzählen der Appellbriefe, mit denen Menschen aller Länder Regierungen zur Einhaltung der Menschenrechte aufgefordert haben. Ob die 3,7 Millionen Briefe aus dem vergangenen Jahr noch getoppt werden können? Wir sind gespannt. Auf jeden Fall können wir bereits sagen, dass über 500 Appelle allein in Chemnitz unterzeichnet wurden. Eine starke Zahl, mit der wir das Jahr zufrieden verabschieden können und stolz auf das zurückblicken, was unsere Gruppe 2016 auf die Beine gestellt hat.

Wirft man dieser Tage einen Blick auf die unzähligen Rückblicke und Kommentare, dann scheint klar: 2016 war ein schreckliches Jahr. Von Syrien bis zur Ukraine lodern die Krisenherde der Welt unentwegt weiter. Der Rechtspopulismus ist europaweit auf dem Vormarsch, während in der Türkei Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen getreten werden. Und die Vereinigten Staaten haben gezeigt, dass man mit unverhohlenen Lügen, Hass und Sexismus sogar Wahlen gewinnen kann. All das ist für uns Anlass zu Sorge und Ansporn, im nächsten Jahr umso engagierter für die Menschenrechte auf der Welt einzutreten.

https://scontent-amt2-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/12066007_1036196879779139_6787811431432062176_n.jpg?oh=51002e09e52d758b644c556d84c12524&oe=58E252A8

Nichtsdestotrotz hatte 2016 auch seine Lichtblicke, denn gemeinsam haben wir in diesem Jahr viel erreichen können: Mehr als 650 Menschen konnten dank Amnesty International aus unfairer, willkürlicher und oftmals von Missbrauch geprägter Haft entlassen werden. Zahlreiche Menschen konnten durch unsere Appelle vor der Todesstrafe bewahrt werden. Beim Kampf gegen Folter oder den Rechten Transgeschlechtlicher gibt es in mehreren Ländern Fortschritte zu vermelden. Burkina Faso verpflichtete sich auf Druck von Amnesty, Früh- und Zwangsheiraten zu stoppen. Und den Weltfussballverband FIFA konnten wir dazu bewegen, gegen die Ausbeutung von Arbeitsmigrant_innen beim Stadionbau für die Weltmeisterschaft in Katar vorzugehen. (Mehr Informationen über unsere weltweiten Erfolge aus diesem Jahr gibt es HIER)

All das sind kleine Schritte, aber sie zeigen, dass man gemeinsam große Dinge bewegen kann. Empörung allein reicht nicht aus. Und gerade in den unsicheren Zeiten, die uns bevorstehen, ist es wichtiger denn je, zusammenzustehen und gemeinsam die Stimme für die Menschenrechte zu erheben. Auch und gerade im lokalen Kontext.

Als Chemnitzer Stadtgruppe stand unsere Arbeit in diesem Jahr weiter klar im Einsatz für eine humane Flüchtlingspolitik. So schlossen wir uns im Frühjahr den Protesten gegen das Asylpaket II an, oder debattierten in einer Podiumsdiskussion über das menschenrechtswidrige Konzept der „sicheren Herkunftsländer“. Der Höhepunkt des Jahres bleibt jedoch der Weltflüchtlingstag am 20. Juni, den wir mit Unterstützung zahlreiche anderer Organisationen zu einem interkulturellen Fest auf dem Chemnitzer Neumarkt gestalteten. Gemeinsam mit mehreren hundert Gästen ließen wir Luftballons steigen, um ein Zeichen für Menschlichkeit und friedliches Miteinander in Chemnitz zu setzen.

https://scontent-amt2-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/13466428_1107773009288192_1284240406614313291_n.jpg?oh=2027c3a154739a906029f2e10912114e&oe=58F43D5C

Veranstaltungen wie diese treffen jedoch nicht auf ungeteilte Zustimmung, und auch wir sahen uns in diesem Jahr rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Die Stimmung in Deutschland ist rauher geworden, und menschenverachtende Sichtweisen werden wieder offen geäußert. Auch das Engagement gegen Rassismus war deshalb ein zentraler Bestandteil unserer diesjährigen Aktivitäten. An den deutschlandweiten Menschenketten unter dem Motto „Hand in Hand gegen Rassismus“ nahm unsere Gruppe ebenso teil wie an den Aktionen zum alljährlichen Chemnitzer Friedenstag, dem Jahrestag der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam mit allen Amnesty-Gruppen aus den ostdeutschen Bundesländern fragten wir Passant_innen, ob sie sich mit einer Botschaft gegen Rassismus fotografieren lassen wollen – und konnten letztendlich eine Collage aus über 1000 Engagements gestalten.

https://scontent-amt2-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/13407020_1098306416901518_4067714483788457180_n.jpg?oh=d354f7dae099f85984fe4b2fb7ffe681&oe=58D61305

2016 war außerdem das Jahr, in dem sich die Selbstenttarnung des nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zum fünften Mal jährte. Die Ermittlungen zu den NSU-Morden zeigten, wie sehr deutsche Behörden im Erkennen rassistischer Straftaten versagen können: Über Jahre hinweg wurden die Angehörigen der Opfer verdächtigt. Auch fünf Jahre später werden rassistische Tatmotive nur unzureichend gewürdigt und das wahre Ausmaß rassistischer Gewalt in Deutschland verschleiert. Mit medienwirksamen Flashmobs zum Jahrestag der NSU-Enthüllung am 5. November konnten wir dieses Thema wieder stärker in der Öffentlichkeit verankern – und halfen überdies mit, deutschlandweit mehr als 100.000 Unterschriften gegen rassistische Gewalt zu sammeln.

https://scontent-amt2-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/14947798_1214489281949897_5880689243449398438_n.jpg?oh=f5fb5cc3e482e5ea07bbb9603e66898a&oe=58EFFC22

Ein weiteres wichtiges Thema in diesem Jahr waren Rüstungexporte. Deutschland exportiert Waffen auch in Krisenregionen und trägt dadurch zur weltweiten politischen Instabilität bei. Deutsche Rüstungsgüter halfen, in Ägypten und Saudi-Arabien friedliche Demonstrationen gewaltsam niederzuwerfen. Mit einem Filmabend sowie einer umfangreichen Plakatausstellung, die über mehrere Monate hinweg in der Volkshochschule Chemnitz besichtigt werden konnte, machten wir auf diese Zusammenhänge aufmerksam und appellierten an die Bundesregierung, sich ihrer humanitären Verantwortung zu stellen. Denn Menschenrechtsverletzungen, die mithilfe deutscher Waffen in anderen Ländern begangen werden, können niemandem von uns gleichgültig sein: Wir sehen ihre Aufwirkungen tagtäglich auch bei uns. Ohne ein Verbot von Rüstungsexporten in Krisenländer kann man vom Zuzug Geflüchteter halten, was man will – solange wir von deren Leid mit Waffengeschäften profitieren, werden weiterhin Menschen fliehen.

https://scontent-amt2-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/12540671_1011640322234795_4101441585405535951_n.jpg?oh=2372960348aa70cc4944a8bb1659fbca&oe=58DF505C

Das waren nur unsere Schwerpunktthemen, denen wir uns 2016 gewidmet haben. Ebenso haben wir uns für verfolgte Journalist_innen und Meinungs- wie Pressefreiheit starkgemacht, oder für die Rechte von Frauen zum internationalen Frauentag. Zahlreiche Infostände und Unterschriftenaktionen sind zu ergänzen, beispielsweise zum Zugang zu Bildung für schwangere Mädchen in Sierra Leone. All dies wäre nicht möglich gewesen ohne den unermüdlichen und ehrenamtlichen Einsatz unserer Mitglieder in Chemnitz – aber auch nicht ohne Eure Unterstützung. Wir möchten deshalb an dieser Stelle allen danken, die uns in diesem Jahr an unseren Ständen besucht haben, an unseren öffentlichen Aktionen teilnahmen oder uns online unterstützten. Ihr seid es, die den Kampf für weltweite Menschenrechte am Leben halten. Lasst uns auch weiter gemeinsam für eine gerechte Welt einstehen und unsere Stimmen erheben gegen all jene, welche die Rechte anderer Menschen mit Füßen treten. Die Bereiche, in denen auch im folgenden Jahr die Menschenrechte verteidigt werden müssen, werden ganz gewiss nicht abnehmen. Wir haben es in der Hand, die Welt ein kleines Stückchen gerechter zu machen – wir müssen uns nur trauen.

In diesem Sinne: Auf ein erfolgreiches und aktionsreiches Jahr 2017 und einen guten Rutsch!

Veröffentlicht in Allgemein

Schreibe einen Kommentar